Wie lässt sich ein gutes Leben mit weniger Ressourcenverbrauch verbinden? Im Projekt «Glück der Genügsamkeit» greifen die Volkshochschulen diese Frage aus unterschiedlichen Perspektiven auf. In einer neuen Interviewserie stellen wir die Menschen vor, die diese Angebote gestalten.
Den Auftakt macht Dr. Leonard Creutzburg, der sich beim WWF Schweiz mit neuen Wirtschaftsmodellen beschäftigt. Mit ihm sprechen wir über Wohlstand ohne ständiges Wachstum, Unternehmen, die Ressourcen schonen, und die Kraft gemeinsamen Handelns.
Leonard Creutzburg ist promovierter Wirtschaftsgeograph und ökologischer Ökonom. Er beschäftigt seit mehreren Jahren mit der ökologischen Transformation von Wirtschaft, Unternehmen und Gesellschaft. Aktuell ist er Verantwortlicher für neue Wirtschaftsmodelle und Zukunftsfragen sowie Co-Leiter des One Planet Lab beim WWF Schweiz.
Suffizienz, Postwachstum und neue Wirtschaftsmodelle: Wie sind sie persönlich zu diesen Themen gekommen?
Angefangen hat es mit meinem Studium. Nachhaltigkeit war mir schon vorher wichtig, aber dort habe ich besser verstanden, warum unser aktuelles Wirtschaftssystem nicht zukunftsfähig ist. Wir können langfristig nicht mehr Ressourcen verbrauchen, als die Natur erneuern kann. Seitdem beschäftige ich mich vor allem mit Lösungen – und davon gibt es bereits erstaunlich viele.
Worum geht es in Ihren Kursen an den Volkshochschulen im Projekt «Glück der Genügsamkeit»?
Ich biete drei Kurse an. Im ersten geht es darum, warum Wirtschaftswachstum für unsere Gesellschaft so wichtig geworden ist – und welche Alternativen es gibt. Dabei fokussiere ich exemplarisch auf die Schweiz. Im zweiten zeige ich, wie Unternehmen Ressourcen schonen können, zum Beispiel durch langlebige Produkte, Reparatur oder Wiederverwendung. Der dritte Kurs dreht sich um Unternehmen, bei denen nicht der kurzfristige Gewinn, sondern der Zweck der Firma im Mittelpunkt steht. Das ist bekannt als Verantwortungseigentum oder, auf Englisch, «Steward Ownership».
«Besonders viel erreichen wir, wenn wir uns mit anderen zusammentun.»
Leonard Creutzburg
Wie wir aktuell wirtschaften, hat uns viel Wohlstand gebracht – wieso etwas daran ändern?
Unser Wirtschaftssystem hat uns tatsächlich viel Wohlstand gebracht, gerade in der Schweiz. Gleichzeitig verbrauchen wir mehr Ressourcen, als die Natur langfristig bereitstellen kann. Damit sägen wir gewissermassen am Ast, auf dem wir sitzen. Die heutige Schweizer Wirtschaft ist stark auf Wachstum ausgerichtet, doch das ist nicht zukunftsfähig. Wir müssen uns überlegen, wie wir Lebensqualität und wichtige Errungenschaften, etwa die AHV oder die Gesundheitsversorgung, langfristig sichern können, ohne ständig auf dauerndes Wirtschaftswachstum angewiesen zu sein.
Sie unterrichten auch zu Suffizienz in Unternehmen. Müssen Firmen nicht möglichst viel verkaufen, um erfolgreich zu sein?
Viele Unternehmen arbeiten tatsächlich nach diesem Prinzip. Es gibt aber auch andere Wege. Manche Firmen verdienen beispielsweise mit Reparatur, Pflege oder Vermietung Geld, statt ständig neue Produkte zu verkaufen. Solche Geschäftsmodelle schonen Ressourcen und können trotzdem wirtschaftlich erfolgreich sein. Dafür brauchen die Unternehmen aber auch die richtigen Rahmenbedingungen und müssen politisch unterstützt werden.
«Wenn Menschen sich zusammenschliessen und dranbleiben, entstehen aus kleinen Projekten grosse Veränderungen.»
Leonard Creutzburg
Was können wir selbst konkret zu einer nachhaltigeren Lebens- und Wirtschaftsweise beitragen?
Natürlich können wir weniger Fleisch essen, häufiger zu Fuss gehen oder bewusster einkaufen. Das ist gesünder für uns und gut für die Umwelt. Besonders viel können wir aber erreichen, wenn wir uns mit anderen zusammentun. Das kann ein Quartierverein sein, der sich für Tempo 30-Zonen einsetzt, oder eine lokale Genossenschaft, die sich für nachhaltige Landwirtschaft engagiert. Einer Partei betreten ist auch sinnvoll. Gemeinsam etwas zu verändern, macht oft mehr Freude und hat mehr Wirkung, als nur das eigene Verhalten anzupassen.
Wir hören oft, was alles nicht gelingt. Was gibt Ihnen trotzdem Zuversicht für die kommenden Jahre?
Zuversicht geben mir die vielen Menschen, die vor Ort etwas verändern: in ihrem Quartier, in einem Verein, in einem Unternehmen oder in der Politik. Wandel geschieht selten auf einmal. Er beginnt oft mit kleinen Projekten, die zeigen, dass etwas anders organisiert werden kann. Wenn Menschen sich zusammenschliessen und über längere Zeit dranbleiben, können aus solchen Projekten grosse Veränderungen entstehen. Dafür gibt es ganz viele historische Beispiele!
Kommende Veranstaltungen mit Leonard Creutzburg an den VHS
- VHS Basel, 18.1.27: Brauchen wir Wachstum? Kritik, Geschichte und Postwachstum
- VHS Zürich, 3.11.26 – 24.11.26 (4 Abende): Mensch und Klima seit der Neuzeit (zusammen mit Sarah Catriona Evison)