«Mensch oder Maschine?» – Der Titel unserer Herbsttagung in Langenthal war nicht bloss provokativ gemeint. Tatsächlich treibt viele Bildungsinstitutionen und Kursleitende die Existenzfrage um: Was richten Digitalisierung und KI mit der Erwachsenenbildung an? Braucht es in zehn Jahren überhaupt noch Präsenzkurse, menschliche Kursleitende und gemeinschaftliches Lernen?
Die Antwort der gut besuchten Tagung: ein optimistisches „Ja, aber…“ Es wird uns auch in zehn Jahren noch brauchen – und vermutlich erst recht. Schon heute machen sich digitaler Überdruss, Begegnungsmangel und wachsendes Misstrauen gegenüber Informationen aus dem virtuellen Raum breit. Da dürfte die Sehnsucht nach vertrauenswürdigem Wissen, kritischer Vertiefung und echtem Austausch eher noch zunehmen.
Nur: Wissen vermitteln kann die KI sehr gut – manchmal sogar ohne Halluzinationen. Die Erwachsenenbildung wird sich deshalb noch stärker auf das konzentrieren müssen, was wir besser können: Begegnungen ermöglichen, echtes Interesse schenken, das gemeinsame Nachdenken kultivieren, zum Lachen anregen.
Gleichzeitig kann KI vieles ganz mühelos, wo wir uns Mühe geben müssen: Sie ist jederzeit und überall verfügbar, stets freundlich, individuell angepasst und interaktiv. Indem sie Anonymität vorgaukelt, ermutigt sie uns, dumme Fragen zu stellen oder uns zu Lernschwierigkeiten zu bekennen. Sie vermittelt sogar den Eindruck von konzentrierter Aufmerksamkeit und wohlwollendem Verständnis.
Prof. Lara Wolfers zeichnete in ihrem Tagungsinput nach, wie diese Stärken digitaler Lehrformate anfänglich die Hoffnung nährten, Menschen mit geringeren Ressourcen könnten besonders davon profitieren. Aktuelle wissenschaftliche Studien deuten aber eher in die andere Richtung: Bestehende Ungleichheiten werden tendenziell weiter verschärft. Erwachsenenbildung sollte darum nicht zuletzt jenen Menschen Lernchancen bieten, die sonst vom digitalen Fortschritt abgehängt werden.
Prof. Alexander Seifert bekräftigte, dass gerade Seniorinnen und Senioren das gemeinsame Lernen im Präsenzkurs dem Selbstlernen im digitalen Raum meist vorziehen — weil es Begegnung ermöglicht und weil die neuen Technologien doch noch Schwierigkeiten bereiten. Die nächste Generation von Seniorinnen und Senioren wird versierter mit digitalen Geräten und KI umgehen können. Das Bedürfnis nach echter menschlicher Begegnung und intellektuellem Austausch wird sie dennoch haben.
Hier setzte auch Dr. Gabriele Frankl an. Sie machte deutlich, wie wertvoll menschliche Aufmerksamkeit gerade deshalb ist, weil sie knapp ist – im Gegensatz zur unbeschränkt verfügbaren Aufmerksamkeit einer Maschine. Die beste Antwort auf die Frage «Mensch oder Maschine?» dürfte trotzdem sein: «Mensch und Maschine!» Der Erwachsenenbildung der Zukunft wird es hoffentlich gelingen, KI-gestützte Lernmittel in Kursformate einzubauen, die weiterhin einen gemeinschaftlichen, reflektierten und engagierten Austausch fördern.
Wir danken den Referierenden und Teilnehmenden für eine Tagung, die genau einen solchen Austausch ermöglicht hat. Grosser Dank geht auch an Movetia: Sie hat die Teilnahme von Dr. Gabriele Frankl unterstützt, die extra aus Österreich an unsere Tagung angereist ist.