Förderung der Grundkompetenzen von Erwachsenen
Ein bedeutender Teil der Schweizer Erwachsenen verfügt über nur ungenügenden Grundkompetenzen in den Bereichen Lesen und Schreiben, Beherrschung der lokalen Amtssprache, Alltagsmathematik sowie Umgang mit Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT). Gemäss der ALL-Studie können 800'000 SchweizerInnen einen Zeitungstext nicht verstehen. 400'000 haben Mühe, einfachste Rechenaufgaben zu lösen. Betroffen von der Problematik sind sowohl Muttersprachige wie auch Fremdsprachige.
Das Fehlen von Grundkompetenzen hat auf mehreren Ebenen vielfältige Auswirkungen: Die betroffenen Personen können am gesellschaftlichen und beruflichen Leben nicht voll teilnehmen. Sie haben beispielsweise nur einen sehr beschränkten Zugang zu Weiterbildungsangeboten; Betriebe, deren Mitarbeitende nur über ungenügende Grundkompetenzen verfügen, können ihr Produktivitätspotenzial nicht ausschöpfen; auf volkswirtschaftlicher Ebene wirkt sich die Problematik u.a. auf die Höhe der Sozialkosten aus. Gemäss einer Studie des Büro BASS kostet das Fehlen von Lesekompetenzen die Arbeitslosenversicherung jährlich 1 Milliarde Franken.
In den letzten Jahren ist die Förderung von Grundkompetenzen in der Weiterbildungslandschaft zu einem Schwerpunktthema geworden.
Mehrere Akteure - darunter der SVEB, der Dachverband Lesen und Schreiben und die Fachhochschule Aargau – haben begonnen, die Grundlagen für eine effiziente Förderung der Grundkompetenzen von Erwachsenen zu entwickeln. Schwerpunkte der Projekte und Initiativen sind die Aus- und Weiterbildung von KursleiterInnen, die Vernetzung der verschiedenen Akteure, die Entwicklung von neuen Angeboten, Sensibilisierung der Öffentlichkeit (Weltalphabetisierungstag) sowie Förderung von Grundkompetenzen in Betrieben.
Auf politischer Ebene hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass im Bereich Förderung von Grundkompetenzen ein aktives Eingreifen des Bundes und der Kantone notwendig und sinnvoll ist. In der Diskussion um die Entwicklung eines neuen Weiterbildungsgesetzes gehören die Grundkompetenzen zu weitgehend unbestrittenen Förderungereichen.
Was bisher geschah
- Verschiedene vom Bund in Auftrag gegebene Studien weisen auf die Problematik fehlender Grundkompetenzen hin: IALS-Auswertungen (BFS, 1994, 1998), Trendbericht Illettrismus – Wenn Lesen ein Problem ist (SKBF im Auftrag des BAK, 2002), Bericht Digitale Spaltung in der Schweiz (BBT, 2004), Berichte der Koordinationsgruppe Informationsgesellschaft zu Handen des Bundesrates (1999 – 2006) und zuletzt die Adult Literacy and Lifeskills (ALL) – Auswertungen (BFS, 2005)
- Zwei Berichte der Schweizerischen UNESCO-Kommission fordern Massnahmen, welche die Erhöhung des Niveaus der Grundkompetenzen von Erwachsenen in der Schweiz zum Ziel haben: «Erwachsenenbildung in der Schweiz – Bestandesaufnahme 2004 und neue Empfehlungen» (2005), „Zugang zum Lesen und Schreiben für alle! (2005)
- Die EDK empfiehlt den Kantonen in einem Positionspapier zur Weiterbildung aus dem Jahr 2003, Massnahmen zur Förderung der Grundkompetenzen von Erwachsenen zu ergreifen.
- Verschiedene Motionen und Postulate im Parlament hatten in den letzten Jahren die verstärkte Förderung von Grundkompetenzen zum Ziel. Zuletzt wurde im 2007 die Motion «Kampf gegen Illettrismus» in beiden Räten verabschiedet. Bis zur Inkraftsetzung des Weiterbildungsgesetzes können entsprechende Massnahmen und Projekte über das Berufsbildungsgesetz (BBG) Artikel 55 unterstützt werden.
Ausblick
Es ist davon auszugehen, dass ein neues Weiterbildungsgesetz Bestimmungen zur Förderung von Grundkompetenzen enthält.
- Mit der Unterstützung mehrerer Bundesämter (BBT, BAK, SECO, BFM, SBF) werden in den nächsten drei Jahren Pilotprojekte durchgeführt, welche zum Ziel haben, Erfahrungen in Bezug auf die Förderung von Grundkompetenzen zu sammeln und aufzubereiten.
Illettrismus
Lesen und Schreiben ist in der Schweiz keine Selbstverständlichkeit
Gemäss Auswertungen der ALL-Studie verfügen 16 Prozent der SchweizerInnen über nur ungenügende Lesekompetenzen. Sie können zwar einen Text entziffern, verstehen aber dessen Inhalt nicht. In der Schweiz bezeichnet man dieses Phänomen als Illettrismus.
Üblicherweise wird der Begriff Illettrismus in der Schweiz wie folgt definiert:
"Illettrismus ist ein gesellschaftliches Phänomen, das die Tatsache beschreibt, dass Erwachsene, welche die Sprache ihres Landes oder ihrer Region sprechen und die obligatorische Schulzeit absolviert haben, die Grundkompetenzen Lesen, Schreiben und Rechnen nur ungenügend beherrschen."
Illettrismus wird synonym zum Begriff "funktionaler Analphabetismus" verwendet und ist entsprechend gleichbedeutend mit "Analphabetismus": Letzteres betrifft Menschen, die nie zur Schule gegangen sind und deshalb gar nie die Möglichkeit gehabt haben, unser Schriftsystem zu lernen.
Quelle www.alice.ch



