Illettrismus

Illettrismus beschreibt einerseits das Phänomen, dass in Gesellschaften mit langjähriger Schulpflicht nicht alle Menschen so gut lesen und schreiben lernen, wie man es erwartet und fordert. Die Ursachen liegen in den enorm angestiegenen Anforderungen, in der Tabuisierung des Themas und in der Stigmatisierung von Betroffenen. Auch die Folgen betreffen die ganze Gesellschaft: Gesundheits- und Sozialkosten sind hoch, der Zusammenhalt der Gesellschaft ist gefährdet usw.

Illettrismus beschreibt andererseits die Situation eines einzelnen Betroffenen. Die Hauptursache für die Lese- und Schreibschwäche liegt im Lesen und Schreiben selbst – Es sind höchst komplexe Fähigkeiten, die nur durch viel Übung, durch viel Motivation und Durchhaltevermögen erworben werden können. Viele Menschen haben durch gesundheitliche Probleme, durch eine ungünstige familiäre und schulische Situation oder durch unzählige andere Gründe diesen langen Lernprozess nicht hindernisfrei erleben können. Die Folgen sind auch sehr individuell. Sie gehen von stressbedingten Krankheiten über Scham und vermindertes Selbstwertgefühl bis hin zu finanziellen Einbussen und Schwierigkeiten in vielen Lebensbereichen.

Illettrismus in der Schweiz

  • Rund 800‘000 Menschen in der Schweiz (366’000 mit Schweizer/innen, 415’500 Migrant/innen inkl. Secondos) im Alter von 16 bis 65 Jahren haben Mühe mit der Schriftsprache.
  • Illettrismus verursacht jährlich volkswirtschaftliche Kosten von über 1 Milliarde Franken.
  • Lesen und Schreiben-Kurse existieren, werden aber von einem sehr kleinen Teil der Betroffenen besucht.
  • Die Öffentlichkeit ist sich des Ausmasses des Problems kaum bewusst. Die starke Tabuisierung des Themas hindert Betroffene daran, geeignete Angebote zu finden und diese zu nutzen.